Autor: Kerstin Voigt, Medizinredakteurin
Überprüft von: Dr. med. Johannes von Büren
Aktualisiert: 18. April 2020

Operationen als Ursache für Erektionsstörungen

Erektionsstörungen können durch Operationen ausgelöst werden.

Bei jeder Penis-Erektion sind vor allem Nerven und Blutgefäße beteiligt, die Rede ist hierbei von einem sensiblen neurovaskulären Vorgang. Wenn nun ein Chirurg an einer Schlüsselstelle einen Eingriff vornehmen muss, kann genau dieses neurovaskuläre System eine nachhaltige Störung erfahren.

Mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit wird eine erektile Dysfunktion (ED) durch Operationen im Bereich des kleinen Beckens zum Beispiel an der Prostata, an der Harnblase oder am Enddarm ausgelöst.

Ein hohes ED-Risiko besteht vor allem bei diesen Eingriffen:

  1. Entfernung der Vorsteherdrüse - Prostatektomie
  2. Teilweise oder totale Entfernung des Mastdarms - Rektumresektion
  3. Entfernung der Harnblase - Zystektomie

Das individuelle ED-Risiko durch eine derartige Operation hängt von diesen Fragen ab:

  • Wie alt ist der Patient?
  • Lagen schon vor der OP Erektionsstörungen vor?
  • Neigt der Patient zu Gefäß-Erkrankungen?
  • Liegen andere Nervenstörungen oder Nervenkrankheiten vor?
  • Wie weit ist die Grunderkrankung bereits fortgeschritten beziehungsweise wie aggressiv ist diese?
  • Wie umfangreich ist die Operation anzusetzen?

Nicht jede ED muss zwangsläufig für immer bestehen bleiben. Mit viel Geduld, Unterstützung und „Training“ kann sie wieder ausheilen. Es ist dringend geboten, sehr bald nach einer Operation mit der Rehabilitation der Penisfunktion zu starten, denn es gilt, einem Gewebeabbau entgegenzuwirken.

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Dmytro Zinkevych / shutterstock.com
Übersicht:
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    Dreh- und Angelpunkt ist das Gefäß-Nerven-Bündel

    An beiden Seiten des Penis gibt es Schwellkörper-Nerven (nervi cavernosi), die ihren Ausgangspunkt im Nervengeflecht des Beckens (Beckenplexus) haben. Gemeinsam mit wichtigen Blutgefäßen verlaufen sie als kombinierte Gefäß-Nerven-Bündel entlang der Penisbasis und zu beiden Seiten der Prostata, um schließlich in den Schwellkörpern zu münden.

    Ohne diese beiden Stränge auf der Kapsel der Vorsteherdrüse ist eine Erektion nicht möglich. Daher kann sich das Glied nicht mehr aufstellen, wenn diese Stränge durchtrennt sind. Bereits deren Verletzung oder Überdehnung führt unmittelbar zu Erektionsstörungen.

    Berechtigte Hoffnung kommt der modernen OP-Technik zu

    Freie Weglängen im kleinen Becken sind besonders kurz und eng. Erschwerend für den Chirurgen kommt hinzu, dass aus jeder Richtung die Wirbelsäule sowie der knöcherne Beckengürtel immer irgendwie im Weg sind. Aus diesem Grunde sind die Gefäße und Nerven, die den Penis versorgen, der großen Gefahr ausgesetzt, bei einer OP erheblich verletzt zu werden.

    Doch die Chirurgie hat sich auch in diesem Bereich gut weiterentwickelt. Sogar recht radikale Eingriffe im Bereich der Beckenhöhle können heute häufig nerven- und gefäßschonend erfolgen. Gelingt dies auf beiden Seiten, erleben 68 Prozent der operierten Männer bald wieder eine Erektion. Im Falle der einseitig nervenschonenden Operationen sind es immerhin 47 Prozent.

    Um dies zu erreichen, bedienen sich immer mehr Chirurgen minimalinvasiver Techniken. Besonders gut durchgesetzt haben sich dabei Roboterassistenten und die Laparoskopie (Schlüsselloch-Technik).

    Einige Operationen können durch die Harnröhre endoskopisch (transurethral) sowie durch den After (transanal) erfolgen, was die Gefährdung der penilen Versorgungsleitungen drastisch vermindert. Dazu zählt zum Beispiel die Teilentfernung (TURP) überschüssigen Gewebes im Falle einer gutartigen Prostatavergrößerung (BPH).

    Nach der Operation muss so schnell wie möglich die Penis-Reha erfolgen

    Unter der Voraussetzung, dass dem Patienten seine Erektionsfähigkeit wichtig ist, sollte so schnell als möglich nach der Operation eine Penis-Rehabilitation durchgeführt werden. Diese hat allerdings nur dann eine Aussicht auf Erfolg, wenn die Nervenversorgung wenigstens noch teilweise intakt ist.

    Zwar funktioniert der Geschlechtsverkehr in der Regel nicht so schnell, aber der Weg zur Normalität führt über ein Training der regelmäßigen Gliedsteife. Die ausbleibenden morgendlichen und nächtlichen Erektionen müssen nun dringend durch sexuellen Stimulus befördert werden, um immer wieder die Durchblutung der Schwellkörper anzuregen. Wenn dies über Monate versäumt wird, „verhungert“ beziehungsweise verkümmert das Gewebe und bildet sich auf Dauer zurück.

    • Der Heilungsprozess von Nerven dauert bis zu zwei Jahre.

    Genau das ist das Problem, denn die anderen Strukturen des Penis können so lange nicht warten.

    Wie sieht so eine Rehabilitationstherapie konkret aus?

    PDE-5-Hemmer

    Eine einfache Maßnahme ist die regelmäßige Verabreichung von PDE-5-Hemmer wie Viagra oder Cialis, circa zwei oder drei Mal pro Woche. Leider liegt die Ansprechrate, zumindest innerhalb des ersten halben Jahres, lediglich bei zwölf bis 17 Prozent, was zugleich als Hinweis auf Nervenläsionen gewertet werden kann.

    Autoinjektionen

    Wenn Tabletten nicht wirken, muss auf die weniger beliebten Autoinjektionen mit Prostaglandin 1 (SKAT) oder sogar auf die Anwendung der Vakuumpumpe umgeschwenkt werden, da diese in vielen Fällen gute Ergebnisse bringen. Später kann natürlich erneut ein PDE-5-Hemmer probiert werden

    Die Erfolgsquote kann sich sehen lassen

    Bis zu zwei Drittel der Männer, die sich auf eine penile Rehabilitation eingelassen haben, berichten über einen nachhaltigen Erfolg. Nur 20 Prozent der Männer, die sich keiner derartigen Reha unterzogen haben, bekamen später wieder Erektionen.

    Prostatakrebs und Prostatektomie

    Vorsteherdrüsenkrebs kommt bei Männern besonders häufig vor, wobei die Prävalenz mit dem Alter stark korreliert. Der PSA-Test gilt heute übrigens als eine eher unzuverlässige Methode der Früherkennung. Dennoch gelingt es in zunehmendem Maße, das Karzinom schon im Frühstadium zu entdecken, obwohl es zu Beginn seiner Entwicklung kaum Symptome hervorruft.

    Auf jeden Fall lässt sich feststellen, dass die Therapieerfolgsaussichten umso besser stehen, je früher der Tumor erkannt und behandelt wird, weil die Behandlung dann in schonender, minimalinvasiver Weise erfolgen kann.

    Die Prostata umgibt direkt unterhalb der Blase die Harnröhre und befindet sich schlecht erreichbar zwischen dem Schambein und dem Mastdarm. Die für die Erektion so wichtigen Gefäß-Nerven-Bündel verlaufen sehr dicht entlang der Prostata, das sind echte Herausforderungen für jeden Chirurgen.

    Nervenschonung trotz radikaler Prostatektomie

    Wenn es nicht anders geht, bemüht sich der operierende Urologe darum, wenigstens eines der beiden Nerven-Gefäß-Bündel nicht zu verletzen. Auf diese Weise konnten sowohl die relativen Zahlen von Harninkontinenz als auch der erektilen Dysfunktion kontinuierlich abgesenkt werden. Darüber hinaus konnten die Verheilung und die Wiederkehr der Erektionsfähigkeit durch das Konzept der nervenschonenden Prostatektomie deutlich verbessert werden.

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    Blasenkrebs und Zystektomie

    Das Blasenkarzinom verhält sich meistens sehr aggressiv und befällt auch die Blasenmuskulatur. Daher war die vollständige Entfernung der Blase, also die radikale Zystektomie, lange das Standardverfahren. In diesem Zuge wurden die Prostata, die Samenleiter und die Samenbläschen gleich mit entfernt.

    Inzwischen werden hierbei weniger radikale Ansätze bevorzugt, weil es sich gezeigt hat, dass die Gefahr des Rezidivs, damit ist die Rückkehr bösartiger Neubildungen gemeint, trotzdem klein gehalten werden kann.

    Enddarmkrebs und Rektumresektion

    Von bösartigen Tumoren sind in der Regel der Grimmdarm (Colon) und der End- beziehungsweise Mastdarm (Rektum) betroffen. Es handelt sich dabei um die zweithäufigste Krebsart bei Männern. Befindet sich der Enddarmkrebs noch im Anfangsstadium, ist eine minimalinvasive „Transanale Endoskopische Mikrochirurgie“ (TEM) oft noch möglich.

    Bei der „Totalen Mesorektalen Exzision“ (TME) per Schlüssellochoperation (Laparoskopie) können zwar die Nerven noch weitgehend geschont werden, dennoch kann es dadurch sehr wohl zu einer Impotenz kommen.

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    8. Nervenschonung bei radikaler Prostatektomie – prostata.de
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    11. Kessler, T. M., et al.: Offene radikale retropubische Prostatektomie: Hat die Nervenschonung einen Einfluss auf die Urinkontinenz? Abstract V 12.5
    12. Hruza, M., et al.: Einfluss von nervenschonender Operationstechnik auf die Kontinenz nach laparoskopischer radikaler Prostatektomie. Abstract V 12.6
    13. Kolorektales Karzinom – Wikipedia
    14. Totale mesorektale Exzision - flexikon.doccheck.com
    15. Therapie von Darmkrebs – Onko Internetportal - krebsgesellschaft.de
    16. Leitlinienprogramm Onkologie (Hrsg.): S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom, Version 1.0 – Juni 2013. H.-J. Schmoll. K. Höffken, K. Possinger (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie, Springer Verlag 2006

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