Autor: Michael Rothenberg, Medizinredakteur
Überprüft von: Dr. med. Johannes von Büren
Aktualisiert: 8. März 2020

 

Cantharidin (Spanische Fliege)

Naturmedizin steht hoch im Kurs. Auf dem Gebiet der Potenzmittel ist ihre Wirkung oftmals zweischneidig. Die Spanische Fliege stellt hierfür ein gutes Beispiel dar. Sie wehrt sich gegen Feinde mit einem stark cantharidinhaltigen Sekret. Dieser Substanz wohnt eine erektile Wirkung inne; aber die Gefahr einer gefährlichen Überdosierung ist groß.

Das Produkt wird aus der Natur gewonnen, allerdings nicht aus Fliegen, sondern aus dem Ölkäfer. Die Spanische Fliege steigert nicht die Lust, sondern verhilft - richtige Dosierung vorausgesetzt - zu einer längeren Erektion.

Ja, theoretisch können Präparate auf Basis der Spanischen Fliege rezeptfrei erworben werden. Es gibt sie als Salben, Tropfen oder Dragees im Internet und in Apotheken zu kaufen. Allerdings enthalten diese Präparate entweder keine Spanische Fliege oder wirkungslose Dosierungen.

Nein, selbst angemessen dosiert wäre dieser Wirkstoff keine Alternative zu Viagra. Außerdem ist die richtige Dosierung ist schwer zu treffen, denn der Bereich des therapeutischen Nutzens erweist sich als äußerst schmal und die Grenze zu gefährlichen Nebenwirkungen ist schnell überschritten.

Nein. Ratsam ist immer eine Absprache mit dem Facharzt. Alle therapeutischen Schritte sollten nach einer eingehenden Untersuchung der Ursachen einer erektilen Dysfunktion unternommen werden.

Zum aktuellen Zeitpunkt der Medizin, wird kein Arzt den Wirkstoff der Spanischen Fliege empfehlen.  

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Vitalii Hulai / shutterstock.com
Übersicht:
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    Was ist Cantharidin?

    Der Spanischen Fliege haften einige Irrtümer an.

    Der erste Irrtum: Die Spanische Fliege ist keine Fliege - sondern ein wunderschön grün-metallisch schimmernder Ölkäfer, 9 bis 21 Millimeter lang und vor dem Zeitalter des Klimawandels in Südeuropa beheimatet. Mittlerweile breitet er sich auch in Mitteleuropa aus.

    Die Spanische Fliege ist ein uraltes Potenzmittel. Das ist zwar kein Irrtum, aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit.

    Das Cantharidin wurde in der Medizin als Pulver gegen Epilepsie, Schlangenbisse, Rheuma und Wassersucht eingesetzt. Sogar gegen Krebs, Lepra und Tollwut sollte es helfen. Seine Anwendung als harntreibendes Mittel verhalf dem Ölkäfer zu dem Beinamen Pissekäfer.2

    Bekanntheit nicht nur als Potenzmittel

    Weitre Anwendungsgebiete:

    Der Naturforscher Linnaeus taufte das schillernde Insekt auf den wissenschaftlichen Namen Lytta vesicatoria. Andere Ersatzwörter für den Ölkäfer sind Blasenkäfer und Pflasterkäfer, denn er wird in Salben und Pflastern zur Hautreiztherapie und Warzenbehandlung verwertet. 

    Als Potenzmittel stellt die Spanische Fliege alle aufgezählten Therapieanwendungen in den Schatten. Schon die Römer heizten mit pulverisierten Ölkäfern ihre Orgien an.

    • Der Wirkstoff dient der Fliege zur Abwehr

    Die Spanische Fliege sondert zur Abwehr von Fressfeinden eine stinkende Flüssigkeit ab, die hoch konzentriertes Cantharidin enthält.

    Dieser Wirkstoff greift die Haut und Schleimhaut von Mensch und Tier an. Unter anderem reizt Cantharidin Harnblase und Harnröhre und ruft auf diesem Weg lang anhaltende Erektionen hervor. Das machte die spanische Fliege zum wichtigsten historischen Vorläufer von bekannten Potenzmittel. Doch alle Konsumenten bewegten sich auf sehr dünnem Eis.

    Risikoanalyse

    Die Pastillendose des Marquis de Sade

    Spätestens im 18. Jahrhundert setzte sich Cantharidin im postantiken Europa flächendeckend durch. Der Marquis de Sade führte die 'Pastilles à la Richelieu' zuverlässig im Gepäck und vergiftete mehrere Prostituierte mit ihnen. 1772 wurde er dafür zum Tode verurteilt. Im 19. Jahrhundert gab es die Spanische Fliege sogar auf deutschen Wochenmärkten zu kaufen. Erst das 20. Jahrhundert schreckte vor ihren Risiken zurück. Wie viele Todesopfer es bis heute gegeben hat, ist nicht abzuschätzen.

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    Henrik Larsson / shutterstock.com

    Aus dem Rezeptbuch der Henker

    Cantharidin ist ein starkes Reizgift. Es ruft Blasen und Nekrosen auf der Haut hervor. Es verätzt Magen und Darm, greift Nieren und Leber an, schädigt das Schleimhautgewebe, verlangsamt die Blutgerinnung und führt über Nieren- und Kreislaufversagen zum Tod.

    Natürlich geschieht das nicht zwangsläufig - aber die Grenze zur tödlichen Wirkung fängt beim Menschen schon bei 30 Milligramm an. Darum steht die Spanische Fliege in einer langen Tradition als Hinrichtungsmittel und Mordwaffe.

    Quelle: 3

    Welche Produkte der Spanischen Fliege gibt es?

    Trotz der fragwürdigen Wirkungen und Komplikationen von Cantharidin sind etliche Produkte unter dem Namen der Spanischen Fliege auf dem Markt.

    Sie werden als Tropfen, Salben oder Dragees für beiderlei Geschlecht angeboten. Tatsächlich enthalten die meisten dieser Präparate nicht eine Spur von Cantharidin, sondern sanftere Wirkstoffe, denen eine Libidosteigerung nachgesagt wird: Ginseng oder Maca, Yamswurzel oder Potenzholz.

    Die Hersteller machen sich bei der Vermarktung den ungeschützten Namen der Spanischen Fliege zunutze. Offensichtlich hat das Volksbewusstsein einzig und allein die erektionsfördernde Effekte des Naturwirkstoffes gespeichert.

    Schlusswort: Wirkungslos oder gefährlich?

    Das Fazit für die erektionsstärkende Spanische Fliege: negativ. Entweder enthalten die frei verkäuflichen Präparate gar kein Cantharidin oder weisen es nur in Spuren auf.

    In letzterem Fall darf gesagt werden: Zum Glück! Denn der Grat zwischen der Dosis für eine probate Wirkung und der schädlichen oder tödlichen Dosis ist gefährlich schmal. Von Selbstrezepturen oder Überdosierungen sei daher eindringlich abgeraten. Heute leisten verlässlichere und gleichzeitig schonendere Mittel Abhilfe.

    Grundsätzlich gilt: Wenn eine erektile Dysfunktion vorliegt, führt der erste Gang in die Praxis eines erfahrenen Arztes. Hier erfahren Sie wie Sie möglichst schnelle Hilfe bei einer Erektionsstörung erhalten.

    1. Love Bugs? A world view of insects as aphrodisiacs, with special reference to Spanish fly - D. A. Prischmann, C. A. Sheppard American Entomologist, Volume 48, Issue 4, Winter 2002, Pages 208–220, doi.org
    2. Efficacy and Safety of Topical Cantharidin Treatment for Molluscum Contagiosum and Warts: A Systematic Review - American Journal of Clinical Dermatology volume 19, pages791–803(2018 – link.springer.com
    3. Poisoning from “Spanish fly” (cantharidin) David J Karras, MD Susan E Farrell, MD Richard A Harrigan, MD Frederick M Henretig, MD Laura Gealt, MSN – ajemjournal.com
    4. A dangerously exciting beetle – the Spanish Fly – science-explained.com
    5. Cantharidin Als Potenzmittel entzaubert, aber.. - Anna Rudo Hans‐Ullrich Siehl Klaus‐Peter Zeller Stefan Berger Prof. Dr. Dieter Sicker – onlinelibrary.wiley.com
    6. A world view of insects as aphrodisiacs, with special reference to Spanish fly - D. A. Prischmann and C. A. Sheppard – academic.oup.com (pdf)
     

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